Beitrag zur Erinnerungskultur

Beitrag zur Erinnerungskultur

„Ihr müsst vor niemanden Respekt haben, aber ihr müsst jeden respektieren“, gibt der Holocaust-Überlebende René Kaufmann den Schülerinnen und Schülern der Klassen 9d und 9e der Realschule am Europakanal am Ende seines Besuchs mit auf den Weg. Gespannt, aufmerksam und betroffen verfolgen die Jugendlichen die Schilderungen des 89-jährigen Zeitzeugen, der am 11. Juni 2026 auf Einladung der Schule aus seinem Leben berichtet. Trotz seines hohen Alters wirkt Kaufmann bemerkenswert rüstig und begegnet den Schülerinnen und Schülern offen und zugewandt.
Zu Beginn der Veranstaltung begrüßt Schulleiter Markus Bölling die Anwesenden und unterstreicht die Bedeutung persönlicher Zeitzeugengespräche für die historisch-politische Bildung. Anschließend stellt die Moderatorin Birgit Mair, Autorin und Referentin des Internationalen Institut für Sozialwissenschaftliche Bildung, Friedensarbeit und Gewaltprävention (ISFBB), den Gast kurz vor. In dem folgenden, etwa dreißigminütigen Bericht führt René Kaufmann die Schülerinnen und Schüler durch sein Leben, berichtet schonungslos und eindrucksvoll von der Flucht der Familie aus dem von den Nationalsozialisten regierten Deutschland nach Belgien, von den medizinischen Experimenten, die an seinem jüdischen Vater durchgeführt wurden, und von der Gewalt gegen seine Familie nach der Besetzung Belgiens 1940 durch die Deutschen, beginnend bei der zweijährigen Schwester, der von deutschen Soldaten die Haare ausgerissen wurde, bis zur Tante, die von ihrem Fahrrad gezerrt, „wie ein Müllsack“, so erinnert sich Kaufmann, auf die Ladefläche eines Lieferwagens geschmissen und von den Nationalsozialisten verschleppt wurde. Kurz hält er inne bevor er erzählt, wie seine Mutter vor den Augen ihrer Kinder von deutschen Soldaten mit einem Gewehrkolben ins Gesicht geschlagen wurde.
Im Laufe des Vortrags wird es im Raum zunehmend still. Die gespannte und zugleich betroffene Stimmung zeigt, wie sehr diese Schilderung die Jugendlichen berührt. Die persönliche Begegnung mit einem Menschen, der die Folgen von Ausgrenzung, Verfolgung und Antisemitismus nicht nur aus Geschichtsbüchern kennt, sondern aus eigener Erfahrung berichten kann, hat viele Schülerinnen und Schüler nachhaltig beeindruckt. Die zahlreichen Fragen, die sie René Kaufmann im Anschluss stellen, zeugen von ihrem großen Interesse und Verständnis.
Die Veranstaltung macht deutlich, wie wertvoll die Begegnung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für das Verständnis historischer Ereignisse ist. Sie erinnert daran, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auch heute eine wichtige Voraussetzung für Demokratie, Menschenwürde und ein respektvolles Miteinander bleibt.
Michelle Rostock-Garkisch und Laura Kemp-Krämer